„Haste ma nen Euro?“ Wer hat diesen Satz beim Gang durch die Fußgängerzone noch nicht gehört? 22 Schülerinnen der St.-Franziskus-Realschule werden ihn ab sofort vermutlich etwas anders wahrnehmen. Sie haben die VR-Experience „UnHome“ im 42 in Kaiserslautern besucht. Virtuell in die Rolle eines Obdachlosen schlüpfen und intensiv erleben, was es heißt, schutzlos auf der Straße überleben zu müssen – das nimmt einige der Zehntklässlerinnen wirklich mit. Kaum sind die weißen Brillen vom Kopf genommen, die Steuerungsgeräte für die Hände weggelegt, sprudeln die Eindrücke nur so aus ihnen heraus: „Ich habe gekämpft. Und als ich in den Mülleimer gefasst habe, um die Pfandflasche herauszunehmen, habe ich mir den Finger aufgeschnitten. Die Wunde ist ewig
nicht verheilt!“ „Ich habe immer den Hund gestreichelt. Und den Burger aus dem Müll genommen, weil ich so Hunger hatte“, meint eine Schülerin und schüttelt ungläubig den Kopf. Bis vor einer halben Stunde wäre ihr das wohl nicht in den Sinn gekommen. Doch das virtuelle Erleben hat innerhalb weniger Minuten deutlich gemacht: Überleben auf der Straße ist eine harte Aufgabe. Parallel haben sich Amelie, Zoe und Lara gemeinsam mit ihren Klassenkameradinnen in Schicksale von Obdachlosen in Kaiserslautern eingelesen, die Mitarbeiter des St.-Christopherus-Heims für dieses Workshop-Angebot zusammengetragen haben. Hier fließen spontan ein paar Tränchen, als klar wird: Das ist keine Fiktion, sondern harte Realität. Es trifft die Mädchen zu lesen, durch welche Schicksalsschläge Menschen um sie herum aus der Bahn geworfen wurden. Und gleichzeitig gibt es Hoffnung, wenn Mitarbeiterin Samira davon berichtet, dass sie mit dem Team des Christopherus-Heims bei einem Großteil ihrer Klienten im vergangenen Jahr erfolgreich Einfluss nehmen und aktiv Hilfestellung geben konnte.
Auch der Leistungskurs Sozialkunde der MSS 11 am St.-Franziskus-Gymnasium hatte die Gelegenheit, den Workshop „UnHome“ gemeinsam mit seiner Kursleiterin Kathrin Heupel zu besuchen. Ähnlich wie die Schülerinnen der 10Rc werden wohl auch diese Schülerinnen in Zukunft mit etwas anderen Augen auf Wohnungslose schauen, die ihnen in den Straßen Kaiserslauterns begegnen. Sie wissen jetzt: Ein nettes Gespräch, eine mitfühlende Frage kann manchmal mehr
Würde zurückgeben als eine Handvoll Kleingeld.

Text und Photos: S. Seither